März 21, 2019

Von Tom Newberry

Das kleine marokkanische Dorf Taghia liegt weltabgeschieden inmitten des Atlasgebirges. Hier findet man die besten Kletterrouten von denen man noch nie gehört hat. Die Isoliertheit, die anspruchsvollen Zustiege und die traditionelle marokkanische Lebensart verleihen diesem Klettergebiet voller Mehrseillängenrouten ein sehr abenteuerliches Expeditionsflair, und das zu einem erschwinglichen Preis.

In den drei Hauptschluchten n’Tazart Akka, Akka und n’Taghia Akka n’Tafrawt findet man Wände zwischen 200 und 800m; einige Gipfel sind sogar etwas über 3000m hoch. Es sind vor allem die riesigen vertikalen Kalksteinwände, die diese Gegend zu einem Klettergebiet von Weltklasse erheben. Sie sind oft frei von Vorsprüngen und Vegetation, wodurch die Routen und Seillängen durchgehend von höchster Qualität sind. Sowohl die Felsbeschaffenheit als auch der Felsstil lässt sich durchaus mit Verdon vergleichen, doch hier sind die Routen zum Teil doppelt so lang und liegen daher meist im mittleren bis höheren Bereich der französischen Skale (von 6c aufwärts). Überraschenderweise findet man hier nur eine kleine Handvoll abenteuerlustiger britischer Kletterer und sonst zumeist spanische, französische und amerikanische Klettergäste.

Anreise

Mit dem Flieger nach Marrakesch. Dann geht es mit einem von zwei öffentlichen Bussen weiter nach Zaouia Ahanesal (in Azilal umsteigen). Die Reise dauert etwa 9-10 Stunden und kostet um die 15 Euro. Wer es eilig hat und dafür bezahlen möchte kann auch direkt mit dem Geländewagen-Taxi fahren, das man durch die Unterkunft in Taghia buchen kann. Diese Variante dauert 5-6 Stunden und kostet 120 Euro (bis zu 6 Passagiere). Vorsicht - es kursieren Geschichten von Taxifahrern aus Marrakesch, die ihre Kletterkunden im tiefsten Nirgendwo absetzten als ihnen klar wurde, dass ihr Auto für die Straßen des Hohen Atlas nicht geeignet waren! Die Strecke zwischen Zaouia Ahanesal und Taghia kann man in ungefähr zwei Stunden zu Fuß zurücklegen wenn man den alten Berberpfaden folgt, die aus Felsen und toten Bäumen bestehen, die sich an die Felswände klammern. Esel lassen sich für 10 Euro für den Transport der Ausrüstung mieten (ein Esel für 2-3 Kletterer). 

Die beste Reisesaison

Wenn man durch die Gästebücher blättert sieht man, dass die meisten Teams im April/Mai oder September/Oktober kommen, wobei der Frühling die bevorzugte Wahl zu sein scheint. Die Gegend liegt auf 2000-2900 Höhenmetern und ist daher zu jeder Zeit vergleichsweise kühl. Mir wurde erzählt, dass die heftigsten Stürme am Anfang und am Ende des Sommers auftreten. Der Verlauf dieser Stürme ist recht vorhersehbar; sie brauen sich zumeist am späten Nachmittag oder frühen Abend zusammen, doch selbst die nach Norden ausgerichteten Wände trocknen schnell und erlauben dem Kletterer bald wieder Zugang. Bei starkem Regen kann es in den Schluchten jedoch zu gefährlichen Überschwemmungen kommen, bei denen schmale Passagen innerhalb von Minuten unpassierbar werden. Das vom Plateau abfließende Wasser kann außerdem zu Steinschlag führen. Wir waren in der letzten Oktoberwoche zum Saisonende dort und hatten beständiges Wetter, doch es war sehr kalt. Am vorletzten Tag fiel 10cm Schnee und setzte unserer Klettersaison für diese Jahr ein Ende. 

Die richtige Ausrüstung

Entweder ein Paar 60m Doppelseile oder ein 70m Einfachseil mit Zugseil. Wir entschieden uns für ein 60m Halbseil und ein 70m Einfachseil für mehr Optionen. Ich empfehle 16 Expressen und ein paar alpine Expressschlingen, die auch für den gelegentlich anzutreffenden Bolt praktisch sind, sowie ein steifes, aber bequemes Paar Schuhe. Zum Tragen eignet sich eine Haulbag wie die Black Diamond Stubby oder, meine Wahl, ein kompakter 18l Rucksack wie der DMM Zenith. Die Stirnlampe ist ein Muss und kommt garantiert bei frühen Zustiegen und spätem Abseilen zum Einsatz, genau wie ein paar Ersatzschraubglieder. Außerdem nützlich sind Handwärmer, Wasseraufbereitungstabletten, Medizin gegen Magen- und Darmprobleme, ein ordentliches Erste-Hilfe-Set, ein Vorrat an Energieriegeln und ein gutes Buch. Und obgleich nicht unbedingt notwendig, Klemmgeräte in Größe .5, .75, 1 und 2 kamen bei manchen Routen auch gelegen.

Unterkunft

In Taghia gibt es zwei etablierte "Gites", die beide sehr bodenständig sind, aber über heißes Wasser und Strom verfügen. Das Frühstück ist es jeden Morgen dasselbe: Brot und Crepes mit Marmelade oder Käse. Am Abend gibt es abwechselnd Hühner-Tajine, Lamm-Tajine und Pasta, jeweils mit Kreuzkümmelsuppe vorweg und frischem Obst als Nachtisch. Es hat sich bewährt im großen Carrefour einkaufen zu gehen bevor man Marrakesch verlässt und einen Vorrat an haltbaren Leckereien (um für etwas Abwechslung zu sorgen), Energieriegeln, Alkohol, Toilettenpapier und gängigen Medikamenten anzulegen. 

Saids Unterkunft: climbingtaghia.com

  • 12 Euros/Nacht inkl. Frühstück und Abendmahlzeit

Youssefs Unterkunft: gite-aoujdad-taghia.com

  • 14 Euro/Nacht inkl. Frühstück und Abendmahlzeit

Reiseführer und Topos

In Saids Gite findet man mehrere Ordner voller Skizzen und handgeschriebener Berichte über alle Routen. Ruhetage lassen sich herrlich mit dem Durchblättern dieser faszinierenden Tagebücher aus vergangenen Klettertagen verbringen. Es gibt auch einen hervorragenden Reiseführer, “Taghia Montagnes Berbères” von Christian Ravier (2008), den man nur direkt beim Autor bestellen kann: cravier@club-internet.fr Obwohl dieses Buch auf Französisch und schon 11 Jahre alt ist, ist es noch immer zweckdienlich. Es empfiehlt sich, die Topos der geplanten Routen noch vor der Abreise zu fotokopieren.

Magen- und Darmprobleme

Ausländer leiden in Marokko oft an Magen- und Darmproblemen, die von verunreinigtem Wasser oder Lebensmitteln herrühren. Es lohnt sich wirklich hier Vorsicht walten zu lassen - nur gekochtes oder frisch geschältes Essen ist sicher. Sterilisiert euer Leitungswasser, selbst wenn es als "Trinkwasser" angepriesen wird, sonst seid ihr bald durch einen Berg von Kohletabletten durch. Multivitamintabletten sind eine gute Idee wenn ihr länger im Land seid, um die etwas eingeschränkte Speisenauswahl ein wenig auszugleichen. 

In den Städten muss man sich auf aufdrängliches Verhalten einstellen. Man wird euch überteuerten Kram andrehen wollen, den ihr nicht wollt. Hier gilt es, auf eine entspannte, freundliche und höfliche Art Nein zu sagen. Wenn ihr etwas kauft lohnt es sich zu feilschen, außer es handelt sich um Lebensmittel. Es wird bei jeder Gelegenheit versucht den Touristen über's Ohr zu hauen, was frustrierend ist, doch dieser Versuch ist nicht unbedingt unverschämt gemeint sondern eher die Norm. Rechnungen sollten immer auf Fehler und zusätzliche Kosten geprüft werden. Marokko ist ein günstiges Reiseland - wenn ihr europäische Preise zahlt ist sie wahrscheinlich zu hoch. 

Die Klassiker

  • Belle et Berber 6b+ (300m): gut zum Aufwärmen und in der Nähe der Gite.
  • A boire ou je tu la chien 6c (250m): der lange und harte Zustieg ist es wert - das sagt schon alles über diese Route.
  • Canyon Apache 6c+ (280m) - Princess Msmrir 7a (150m): in Kombination ergeben diese zwei Routen einen tollen Tag am Fels.
  • Baraka7b/6c A0 (800m): Langer Zustieg, lange Route, langes Abseilen. Durchgehende 6 mit einer schwierigeren Seillänge. Sehr beliebt.
  • Zebda 7b+, Fat Guides 7b+, Sussro Berber 7b+ (300m): ein Trio benachbarter kürzerer Klassiker, die alle mit einer harten ersten Seillänge anfangen und superbes Klettern auf tollem Fels bieten.
  • Rivieres Poupres 7b+ (600m): jede Seillänge hier ist von Weltklasse. Diese Route muss man klettern, wenn man in Taghia ist. Alex Honnold hat unter anderem hier für den Film Free Solo trainiert.
  • Axe du Mal 7c+ (600m): diese atemberaubende Felswand ist Taghias absoluter Höhepunkt. Eine tolle Herausforderung für Kletterer mit dem entsprechenden Können.

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